Bezahlen im Wandel: ibi-Payment-Report 2026
Markus Solmsdorff im Interview über die wichtigsten Erkenntnisse aus der neuen Studie
Der Zahlungsverkehr befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Neue regulatorische Anforderungen, technologische Innovationen und veränderte Kundenbedürfnisse prägen den Markt. Der neue ibi-Payment-Report 2026 zeigt, wie vielfältig diese Entwicklungen sind und welche Rolle dabei Themen wie Wero, Künstliche Intelligenz, digitale Wallets und Agentic Payments spielen. Im Interview ordnet Markus Solmsdorff, Leiter Stab Branding & Communication bei VR Payment, die wichtigsten Ergebnisse des Reports ein und wirft einen Blick nach vorn.
Herr Solmsdorff, was sind für Sie die generellen Erkenntnisse des ibi-Payment-Reports 2026 und welche Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht?
Der Report zeigt sehr deutlich: Der Zahlungsverkehr verändert sich gleichzeitig sehr schnell und erstaunlich langsam. Technologisch erleben wir eine enorme Dynamik. KI gewinnt an Bedeutung, Agentic Payments schaffen neue Szenarien und digitale Souveränität rückt in den Fokus. Das tatsächliche Bezahlverhalten verändert sich dagegen eher evolutionär: Bargeld und girocard bleiben nach wie vor relevant, im E-Commerce dominieren etablierte Verfahren weiterhin.
Überraschend ist dabei weniger die Richtung als die Deutlichkeit dieser Gleichzeitigkeit. Sie zeigt: Im Payment setzt sich Neues nicht allein deshalb durch, weil es technologisch innovativ ist. Es muss einen konkreten Bedarf treffen und erkennbaren Mehrwert schaffen – für Verbraucher:innen ebenso wie für Händler:innen.
Für VR Payment bestätigt das einen zentralen Grundsatz: Wir müssen technologische Entwicklungen früh verstehen und vorantreiben, dürfen Innovation aber nicht mit Relevanz verwechseln.
Wero hat aus Expertensicht hohe strategische Bedeutung, steht bei den Verbraucher:innen aber noch am Anfang. Was braucht es für breite Relevanz im Bezahlalltag?
Entscheidend ist, dass Wero aus der strategischen Diskussion in den Bezahlalltag kommt. Dafür braucht es vor allem Reichweite und überzeugende Anwendungsfälle. Verbraucher:innen werden ein neues Zahlverfahren dann nutzen, wenn sie ihm regelmäßig begegnen, es einfach funktioniert und es einen klaren Mehrwert bietet. Händler:innen wiederum brauchen eine Lösung, die sich nahtlos in ihre bestehenden Prozesse integrieren lässt und wirtschaftlich attraktiv ist.
Breite Relevanz entsteht dabei nicht auf einen Schlag, sondern mit jeder zusätzlichen Bezahlsituation. P2P-Zahlungen und der E-Commerce sind ein wichtiger Anfang. Mit wiederkehrenden Zahlungen und perspektivisch dem Einsatz im stationären Handel wächst Wero Schritt für Schritt in den Bezahlalltag hinein. Genau diese Entwicklung müssen wir jetzt vorantreiben: Wero dorthin bringen, wo Menschen tatsächlich bezahlen, und Händler:innen den Zugang so leicht wie möglich machen.
Agentic Payments könnten die Initiierung von Zahlungen grundlegend verändern. Was bedeutet das für den Zahlungsverkehr, wenn Kaufentscheidungen zunehmend automatisiert werden?
Wenn Kaufentscheidungen zunehmend automatisiert werden, verändert das nicht nur den Checkout, sondern die gesamte Logik des Bezahlens. Heute wählt in der Regel der Mensch Händler:in, Produkt und Zahlart aus und autorisiert die Zahlung. Wenn künftig KI-Agenten Teile dieses Prozesses selbstständig übernehmen, dann muss Payment nicht mehr nur für Menschen einfach funktionieren, sondern auch für Maschinen eindeutig, sicher und zuverlässig steuerbar sein.
Damit steigen die Anforderungen an die Zahlungsinfrastruktur. Es braucht klare Regeln dafür, was ein Agent entscheiden und auslösen darf, sichere Autorisierungsmechanismen und jederzeit nachvollziehbare Transaktionen. Gerade weil Prozesse autonomer werden, sind Vertrauen und Kontrolle noch wichtiger. Die spannende Aufgabe für die Payment-Branche wird sein, diese neue Form des Handels zu ermöglichen, ohne Sicherheit und Selbstbestimmung aus der Hand zu geben.
Wallets und Händler-Apps gewinnen an Bedeutung. Welche Rolle wird Payment künftig in solchen digitalen Ökosystemen spielen?
Payment wird in digitalen Ökosystemen stärker in den Hintergrund treten – und gleichzeitig an Bedeutung gewinnen. Verbraucher:innen öffnen eine Händler-App nicht, weil sie bezahlen möchten, sondern primär, weil sie einkaufen, bestellen, Vorteile nutzen oder Services in Anspruch nehmen wollen. Payment muss sich möglichst nahtlos in diese Customer Journey einfügen und genau dann zur Verfügung stehen, wenn es gebraucht wird.
Für Händler:innen entsteht daraus die Chance, Bezahlen stärker mit weiteren Services zu verbinden und ein durchgängiges Kundenerlebnis zu schaffen. Entscheidend ist dabei, Wahlfreiheit zu erhalten: Kund:innen erwarten unterschiedliche Zahlarten und Nutzungssituationen verlangen unterschiedliche Lösungen. Die Zukunft liegt deshalb weniger in der einen dominierenden Bezahlmethode als in der intelligenten Integration verschiedener Zahlverfahren in das jeweilige Geschäftsmodell.
Instant Payments sind im Alltag angekommen, bieten allein aber kaum Differenzierung. Wo entsteht künftig der eigentliche Mehrwert vom Bezahlen in Echtzeit?
Echtzeit wird zunehmend zur Erwartung und damit zur Basisinfrastruktur. Mehrwert entsteht dort, wo wir diese Geschwindigkeit in konkrete Anwendungen übersetzen. Für Händler:innen kann das beispielsweise bedeuten, schneller über Liquidität zu verfügen, Prozesse unmittelbar anzustoßen oder Zahlungsflüsse und nachgelagerte Abläufe stärker zu automatisieren. Für Verbraucher:innen zählt vor allem, dass Bezahlen einfach, zuverlässig und ohne unnötige Wartezeiten funktioniert.
Spannend wird es dann, wenn neue Geschäftsmodelle entstehen, die ohne Echtzeit nicht funktionieren würden. Instant Payments sind dann weniger das fertige Produkt als vielmehr die Infrastruktur für die nächste Generation von Payment-Services.
Welche zentralen Schlussfolgerungen ziehen Sie aus den Ergebnissen des ibi-Payment-Reports 2026 für die Entwicklungen des Zahlungsverkehrs in den nächsten Jahren?
Die nächsten Jahre werden im Zahlungsverkehr weniger von der einen großen Innovation geprägt sein als vom Zusammenspiel vieler Entwicklungen. Neue Zahlverfahren treffen auf neue Technologien, Echtzeit wird selbstverständlich und Bezahlen integriert sich stärker in digitale Prozesse. Gleichzeitig bleiben Sicherheit, Verlässlichkeit und einfache Nutzung die Grundvoraussetzungen für Akzeptanz.
Unsere Aufgabe als Zahlungsdienstleister wird es sein, diese Entwicklungen zusammenzubringen und in Lösungen zu übersetzen, die im Alltag funktionieren und Mehrwert bieten. Zukunftsfähigkeit im Payment bedeutet nicht, jedem Trend hinterherzulaufen, sondern die richtigen Entwicklungen früh zu erkennen und konsequent für Händler:innen und Verbraucher:innen nutzbar zu machen.
Payment wird technologisch vielfältiger und komplexer – für diejenigen, die es nutzen, muss es gleichzeitig einfacher werden.